Ich habe den Beitrag bekommen:
Was bei der Pro-Seite angeführt wird, kann ich alles so unterstreichen.
Allerdings fällt mir bei der Kontra-Seite einiges negativ auf.
Er schreibt:
Zitat:Seit Anbeginn der christlichen Kirche trafen sich viele Ortsgemeinden in Privathäusern (z. B. in Philippi: Apostelgeschichte 16,15+ 40 sowie in Korinth: 18,7). Das war oft auch alternativlos, wenn die Verantwortlichen der Synagogen die Verkündigung des Messias, Jesus Christus, ablehnten. Andererseits wird in Apostelgeschichte 2 berichtet, dass sich die Gemeinde in Jerusalem im Tempel traf, was aufgrund der Große der Gemeinde auch gar nicht anders möglich war (2,41-47).
Hier fällt auf, dass er immer eine Gesamtversammlung einer Gemeinde im Kopf hat, was zu echten Widersprüchen führt. Alleine schon, weil er wohl eher nicht davon ausgehen würde, dass sich aktuell alle Christen, die sich in einer heutigen Stadt befinden, sich auch dort unter einem einzigen Gottesdienst versammeln würden. Stattdessen treffen sie sich verteilt in den unterschiedlichsten Gemeindeformen, wie es in der Regel tatsächlich vorzufinden ist.
Man stelle sich vor, dass die gesamte Jerusalemer Gemeinde (mehrere tausend Mitglieder!) sich im Tempel zu einem Gottesdienst traf, während wesentlich kleinere Gruppen zum Teil mit Gewalt aus Synagogen herausgeschmissen wurden! Also wie sollen wir uns das Vorstellen?
Da standen und saßen tausende Christen in Reih und Glied auf dem Vorhof der Heiden (woanders wäre kein Platz für derart viele Menschen) und halten einen Gottesdienst mit Lobpreis und Predigt etc. ab? Und die Pharisäer und Schriftgelehrten haben sich das widerstandslos regelmäßig angesehen?
Ich halte diese Vorstellung für schlicht unsinnig.
Sinn ergibt es vielmehr, dass sich kleine Gruppen der Jerusalemer Gemeinden verstreut auf dem Gelände versammelt haben, um dort zu beten, etc. So kleine Gruppen und zu solch unterschiedlichen Zeiten, dass sie kein größeres Aufsehen erweckten. Ihre Gottesdienste hingegen hielten sie hin und her in den Häusern, denn dort konnten sie das ungestört tun.
Dann schreibt er:
Zitat:Darüber hinaus lehrt die Bibel, dass Gemeinden von mehreren Ältesten geleitet werden sollten. So schreibt Paulus an Titus, dass er in den Gemeinden in Kreta das ausrichten soll, was noch fehlt, nämlich in allen Städten - beziehungsweise in den jeweiligen Gemeinden - Älteste einzusetzen (Titus 1,5; Apostelgeschichte 14,23).
... von
mehreren Ältesten geleitet werden sollen. Wieder eine Formulierung, die mich vermuten lässt, dass seine Gemeindevorstellung von großen Gruppen und Versammlungen ihn zum Stolpern bringt.
Wo steht denn, dass jede Versammlung für sich mehrere Älteste haben soll? Da steht, dass in den Städten Älteste eingesetzt werden sollten. Es ist möglich, dass diese Älteste sogar mehrere Hausgemeinden betreut haben und sich untereinander vernetzten. Das macht es nicht notwendig, dass jeden HG Älteste hatte.
Zudem muss offensichtlich auch noch definiert werden, welche Aufgaben diese Ältesten hatten und ob sich das mit der heutigen Jobbeschreibung in den üblichen Gemeinden deckt.
Das führt uns zu dieser Aussage:
Zitat:Nicht optional ist, dass sich eine Gemeinde nach der Bibel ausrichtet und eine ordentlich eingesetzte Leitung hat.
Was soll das sein, eine „ordentlich“ eingesetzte Leitung? Ordinationen etwa? Oder sollten Älteste nicht reife Christen sein, die durch ihr Vorbild, ihrer geistlichen Reife und Leitungsbegabung die jeweilige Gruppe/n positiv im Glauben fördern? Sind Älteste etwa bestimmende Anführer von Vereinen ähnelnden Gruppierungen, die den Rahmen und Ausrichtung der Versammlung vorgeben?
Natürlich darf das übliche Totschlagargument am Ende nicht fehlen, welches alleine schon an der Definition von „Versammlung“ scheitert:
Zitat:Eher informell agierende christliche Gruppen sind deshalb keine vollwertigen Gemeinden. Solche Hauskreise können wertvolle Orte sein, um die Gemeinschaft einer größeren Gemeinde in Kleingruppen zu vertiefen. Sie sollte aber immer nur Ergänzung sein und nicht dazu führen, dass Christen die tatsächlichen Versammlungen von Gemeinden verlassen, denn das ist nicht Gottes Wille (Hebräer10,25).
Wieso sollten Hausgemeinden keine derartige Versammlung sein? Insbesondere, wenn sich diese untereinander auch noch vernetzen? Weil sie angeblich nur
informell agieren würden? Sehr katholische Vorstellung, würde ich meinen, welche nur dann einen Gottesdienst als Messe bezeichnet, wenn ein geweihter Priester darin vorhanden war. Ansonsten sind die „Wortgottesdienste“ (oder heute eher: „Wort-Gottes-Feier“) nicht als vollwertige Gemeindeversammlung anzusehen. Denn ohne Priester, keine Sakramente, wie die Eucharistie. Und die oder das evangelische Abendmahl macht ja, auch laut diesem Kritiker hier, aus einer Versammlung erst einen Gottesdienst.
Zitat:Die Reformatoren erkannten, dass eine biblische Gemeinde da ist, wo das Evangelium gepredigt und die Sakramente (Taufe und Abendmahl) praktiziert werden. Darüber hinaus lehrt die Bibel, dass Gemeinden von mehreren Ältesten geleitet werden sollten. ...
Ich lese aber im NT nicht, dass man für Taufe und Abendmahl Älteste oder auch noch vereinsmäßige Strukturen bräuchte.
Wie so oft sehe ich hier den Knoten im Kopf, der verhindert, die eingeschränkte, traditionell geprägte Sicht auf Gemeinde zu erweitern. Und ich frage mich, wie lange die biblischen Konzepte der Gemeinde noch gelehrt und bekannt gemacht werden müssen, bis sich diese Knoten in den Köpfen endlich mal lösen?